DIE HISTORISCHE BIBLIOTHEK DER STADT OFFENBURG
Ralf Eisermann
Die Historische Bibliothek geht auf den Franziskaner- und Minoriten-
orden zurück, der in Offenburg um das Jahr 1280 ein Kloster und 1660
eine Lateinschule gründete. Zu dem "humanistischen" Bibliotheks-
bestand gehören zwei Handschriften, 20 Wiegendrucke und über 400
Drucke aus dem 15. und 16. Jahrhundert. Ihr inhaltlicher Schwerpunkt
liegt in der humanistischen Schul- und Studienliteratur.
Die Bücher haben eine wechselvolle Geschichte hinter sich. 1689 fiel das
Klostergebäude der Zerstörung der Stadt durch französische Truppen
zum Opfer. Handschriftliche Besitzeinträge "FFm Minorum S. Franc.
Conventual Offenburgi 1705" deuten darauf hin, dass die Bibliothek
bereits neun Jahre nach dem Wiederaufbau des zerstörten Klosters
weitergeführt wurde. Im 18. Jahrhundert wurde die Bibliothek durch
verschiedene Stiftungen erweitert.
Das beginnende 19. Jahrhundert brachte einen weiteren Einschnitt für die Bibliothek. Die
Säkularisierungsmaßnahmen führten 1803 zur Verstaatlichung des Gymnasiums
und 1815 zur Aufhebung des Klosters.
1808 legte die Großherzoglich-Badische Regierung die Verwendung der
Klosterbibliothek fest: Ein Teil ging in den Besitz der Großherzoglichen
Hofbibliothek Karlsruhe über. Mehrere hundert Werke wurden 1821
öffentlich versteigert. Überreste der Bibliothek erhielt das Großherzogliche
Gymnasium Offenburg (heute Grimmelshausen-Gymnasium). Bis
1991 führte das Gymnasium die Bibliothek weiter.
In den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts gaben die Badische
Landesbibliothek und das Kulturamt Offenburg gemeinsam den Anstoß
zur umfangreichen Sanierung der Historischen Bibliothek. Nach ersten
Aktivitäten von Dorothea Siegler-Wiegand in den siebziger Jahren
(Leiterin der Stadtbücherei von 1963 bis 1985) und der Fortführung ihrer
Arbeit durch die nachfolgenden Büchereileiter Klaus Reichelt (von 1985
bis 1989) sowie Volker Pirsich (von 1989 bis 1990) war im Rahmen der
Erarbeitung eines Offenburger Zentralkatalogs eine erste Verzeichnung erfolgt.
Durch die umfassende Unterstützung der Universitätsbibliothek
Freiburg unter der damaligen Leitung von Wolfgang Kehr konnte ab 1991
zunächst einmal die Frage einer adäquaten Unterbringung des Bestands
geklärt werden. Er wurde im Dezember 1991 vorübergehend ins klimatisierte
Magazin des Stadtarchivs, dann im April 1992 in die Universitätsbibliothek
Freiburg verbracht. Mit finanzieller Unterstützung der
Stiftung Kulturgut Baden-Württemberg konnten die insgesamt 1878
bibliographischen Einheiten in der Zeit vom April 1992 bis Oktober 1993
durch Mitarbeiter der Universitätsbibliothek Freiburg nach den speziellen
Katalogisierungsregeln für Altbestände katalogisiert und in der
Datenbank des Südwestdeutschen Bibliotheksverbundes ausgewiesen
werden. Zu diesen Katalogdaten gelangen Sie im Hauptmenü über den
Punkt "Bestandsdaten".
Um über diese reinen Katalogdaten hinaus einen breiten Zugang zu den
überwiegend in lateinischer und griechischer Schrift verfassten Werke
zu ermöglichen, erhielt Hans-Jürgen Günther im Jahr 1995 seitens des
Kulturamts Offenburg den Auftrag, eine exakte bibliothekographische
Erfassung sämtlicher Inkunabeln, alter Drucke und Rara der Offenburger
Bibliothek durchzuführen und für die geplante Buchausstellung
beratend tätig zu sein. Später wurde dieser Auftrag noch dahingehend erweitert,
die dabei gewonnenen Daten für die Homepage der Historischen
Bibliothek aufzubereiten. Diese Daten sind im Hauptmenü unter dem
Punkt "Auswahlverzeichnis" per Download abrufbar.
Ein Teilbestand der Historischen Bibliothek konnte am 05.11.1997 von
der Universitätsbibliothek Freiburg nach Offenburg zurückgebracht
werden. Es handelte sich hierbei um die Bände, die lediglich der Buch-
pflege bedurft hatten. Die neue Stadtbibliothek Offenburg wurde nur
wenige Tage später, am 8.11.1997, als Teil des Kulturforums Offenburg
eröffnet. Bei den Planungen zur neuen Stadtbibliothek war bereits frühzeitig ein klimatisierter und gesicherter Raum als künftiger Standort für
diese historischen Bände eingeplant worden.
Ein kleiner Teil des Bestandes befand sich nun noch in der Universi-
tätsbibliothek Tübingen. An den dortigen Bänden waren Einzelrestaurierungen erforderlich. Gerd Brinkhus, Leiter der dortigen Abteilung
Handschriften - Alte Drucke hatte sich angeboten, die erforderlichen
Arbeiten zu organisieren und zugleich die Fachaufsicht auszuüben. Die
Phase der Einzelrestaurierungen endete, bedingt auch durch die recht
hohen Kosten, erst im Jahr 2005 mit der "Heimkehr" einer dreibändigen
Weltbeschreibung, die für € 13.000,-- restauriert worden war.
Mit dem Eintrag der Historischen Bibliothek durch das Regierungs-
präsidium Freiburg in das Denkmalbuch fand das neuerdings bewegliche Kulturdenkmal am 15. Februar 2000 unter dem Aktenzeichen
21-2559.5 auch seine amtliche Würdigung. Der Eintrag wurde folgendermaßen begründet: Die Offenburger Gymnasialbibliothek
gehört zu den bedeutendsten und wichtigsten Gymnasialbibliotheken in Baden-Württemberg. Eine besondere wissenschaftliche und buchgeschichtliche
Bedeutung besitzt die Gymnasialbibliothek Offenburg sowohl durch ihr Bestandsprofil im Ganzen, als auch durch einzelne, kostbare und seltene Titel.
Vera Sack (1927- 2004) entdeckte als langjährige und zu diesem Zeit-
punkt bereits pensionierte Leiterin des Arbeitsgebiets Alte Drucke im
Bereich der Historischen Sammlungen bei der Durchsicht der Offen-
burger Buchbestände ein Exemplar der Globuskarte von Martin Wald-
seemüller aus dem Jahr 1507. Dieser im Holzschnittverfahren gedruckte
Segmentsatz für einen Erdglobus bezeichnet den neu entdeckten Kontinent
zum ersten Mal mit dem Namen America. Das gut erhaltene Offenburger Exemplar
war in früherer Zeit in ein aristotelisches Werk mit dem
Titel Ethica Nicomachea (Freiburg, Johannes Faber 1541) zwischen den
Blättern 210 und 211 eingebunden worden.
Zu diesem Zeitpunkt waren weltweit noch zwei weitere Exemplare der Globuskarte bekannt. Ein Exemplar
befindet sich in der Bell Collection der University of Minnesota (www.bell.lib.umn.edu/map), das Zweite
seit 1990 in der Bayerischen Staatsbibliothek in München, und ein erst vor kurzer Zeit veröffentlichtes
drittes Exemplar wurde am 8. Juni 2005 für 812.000 € bei Christie’s in London versteigert.